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NEUE WEGE GEHEN
 
„Tag der freien Begegnung“

Unser Thema für das zweite Seminar in diesem Jahr hieß“ Tag der freien Begegnung“.
Ziel war es, eine neue Form des Seminars zu finden und dies ergebnisoffen zu gestalten. Wir hatten uns vorgenommen, die Suchtstation in Bedburg-Hau und das dortige Museum zu besuchen. Diese Besuche sollten uns, da die LVR-Klinik Bedburg.-Hau eine Klinik mit einer sehr langen Geschichte ist, neue Eindrücke in Suchtbehandlung und Psychiatrie ermöglichen. - -
Unser Seminar begann, ganz entspannt, mit dem Stehkaffee in der Wasserburg Rindern, in der wir sehr gut versorgt wurden und untergebracht waren. Im weiteren Verlauf des Vormittags breiteten wir uns auf unseren bevorstehenden Besuch in der LVR-Klinik Bedburg-Hau (Landesklink) vor.
Wir wurden nach einem sehr, sehr langen Fußmarsch, wir hatten uns ein ganzklein wenig verlaufen, und einiger Verspätung, sehr herzlich und mit Kaffee und Gebäck und kalten Getränken von der Therapeutin der Suchtabteilung Frau Longchamp und dem Pflegedienstleiter Herrn Tübbing, begrüßt. Im anschließenden sehr aufschlussreichen Vortrag von Frau Longchamp erfuhren wir, dass die offene Suchtabteilung nur über sehr übersichtliche zwanzig Betten verfügt. Diese hätte sich im Laufe der Zeit auf diese Größe eingependelt. Die Ausführungen über Behandlungsmethoden und der Nachbehandlung von Suchtkranken, unterschied sich von dem was uns bekannt war, dass hier in der Nachbehandlung zuerst die Selbsthilfegruppen anstehen, und erst dann die „professionelle Nachsorge“ die auch nur 20+2 angeboten werden. (20 Std. Nachsorge + 2 Einzelgespräche) Die Selbsthilfe Gruppen sind hier vor Ort, will heißen, die Klinik stellt den Gruppen Räumlichkeiten zur Verfügung.
Nach der Einführung ging es bei sehr sonnigem Wetter, raus aufs Gelände. Dort bekamen wir die geschlossene Suchtabteilung, die forensische Psychiatrie, zu Gesicht. Sie war von außen betrachtet, sehr bedrückend. Zumal hier Jugendliche ab achtzehn bis vierundzwanzig Jahren, zwar getrennt von den Erwachsenen, untergebracht werden. Die hohen Einfriedungen mit Stacheldraht, Kameraüberwachung, und Doppelzäune waren für uns alle sehr beklemmend. Die Sicherheitsstandards sind hier sehr hoch, und trotzdem kam es hin und wieder zu Ausbrüchen, denn wo Mauern sind, wird es immer jemand geben, der einen Weg auf die andere Seite findet.
Die heutige LVR-Klinik Bedburg-Hau besteht seit 1912 und trug in der Vergangenheit verschiedene Namen. Sie hat sich im Laufe der Zeit zu der größten Einrichtung für die Pflege und Behandlung von psychisch und neurologisch erkrankten Menschen in NRW entwickelt. Eingebunden ist sie im Landschaftsverband Rheinland und verfügt über mehrere Fachabteilungen mit Tageskliniken, sowie eine breitgefächerte stationäre Rehabilitation und Behandlungsangebot.
Die Einrichtung gliedert sich dabei in folgende Betriebsbereiche:

  • Krankenhausbereich (8 Abteilungen s.u.)

  • Soziale Rehabilitation

  • Forensische Psychiatrie

Der Krankenhausbereich setzt sich ausfolgenden Abteilungen zusammen:

  • Allgemeine Psychiatrie

    • Allgemeine Psychiatrie 2 (Abhängigkeitserkrankungen)

    • Allgemeine Psychiatrie 3 (Gerontopsychiatrie)

  • Innere Medizin/Diagnostik

  • Neurologie und Klinische Neurophysiologie

  • Kinder- und Jugendpsychiatrie

Bei unserer Führung erfuhren und erliefen wir die Weitläufigkeit der LVR-Klinik in Bedburg-Hau. Die Anlage umfasst einhundert Gebäude die auf einer Fläche von 80ha verteilt sind. Die Nutzung der Gebäude ist, auf Grund ihres Alters und den neuen Sicherheitsbestimmungen, eher eingegrenzt als ausgelastet. Die Nutzung der Gebäude ist dennoch sehr vielfältig, so werden einige Räumlichkeiten Künstlern zur Verfügung gestellt, den Selbsthilfegruppen und anderen zur Nutzung angeboten.

Neue Wege gehen
Haupteingang zur Hauptverwaltung der LVR-Klinik Bedburg-Hau © Bild: LVR Klinik

Im Anschluss an die sehr interessante und informative Führung gingen wir ins Museum der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Hier empfing uns der Museumsdirektor Herr Horschig persönlich. Er leitete auch die sehr eindrucksvolle und interessante Führung durch die Zeitgeschichte der Klinik. In seinem Vortrag berichtete er von Behandlungsmethoden psychisch Kranker die eher an Folter erinnerten denn an Heilung. So empfand man in der Zeit um 1916 als sehr fortschrittlich, wenn man Menschen mit Depressionen und Unruhezuständen in eine Wanne setzte und die Kranken dann mit literweise 28Grad warmen/ kaltem
Wasser übergoss und diese dann stundenlang bis tagelang darinsitzen ließ. Eine andere sehr fortschrittliche Methode war es, Menschen mit Angstzuständen und „fliegenden“ Armen und Beinen in ein nasses Laken zu wickeln, zwar so, dass diese sich dann auch noch selbst befreien können, sollten. Dies brachten die meisten aber nicht fertig. Nasse Laken, die trocknen, ziehen sich bekanntlich noch enger zusammen, so dass die Beklemmungen für die Patienten noch größer wurden. Diese Erkenntnis machten sich dann im Dritten Reich auch einige „Verhörspezialisten“ zu eigen und folterten so ihre Opfer.

Die Filmvorführung tat einiges zur Aufarbeitung der Geschichte von Bedburg–Hau und der Klink bei. Der Eindruck der Vergangenheit war bedrückend. Der Umgang mit den Kranken in der Zeit des Dritten Reiches und der frühen Nachkriegs Epoche war eher dem Menschen ab als zugewandt.
Direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde, am 14.3.1933, das „Gesetz zur Verhütung von erbkranken Nachwuchses“, verkündet.
Auf Grund dieses Gesetzes wurden in der Provinzial-, Heil und Pflegeanstalt Bedburg–Hau von 3436 Patienten für 2509 Patienten eine Anzeige wegen Erbkrankheit eingetragen und davon die Sterilisation für 957 Patienten beantragt. Bis 1936 wurden von den 957 Patienten 705 sterilisiert, teilweise in der Klinik oder durch einen Arzt im nahe gelegenen Kleve.
Sollte man meinen schlimmer geht’s nicht mehr, so setzten die Nazis 1939 noch einen drauf und begannen mit ihrem Euthanasieprogramm. Die ersten Krankenerschießungen soll es in Pommern und Polen ab September 1939 gegeben haben. Die ersten Patienten die einem Wehrmachtslazarett, dass in der Klinik eingerichtet werden sollte, Platz machen mussten, wurden im September 1939 verlegt. Es waren 356 Menschen. 1940 setzte sich die Euthanasiewelle fort. Innerhalb von vier Tagen wurden 1632 Patienten verlegt. Alle Deportierten aus Bedburg-Hau wurden in verschiedenen Lagern ermordet.
Die vorgetragene Geschichte, die leider Wahrheit ist, ist wenn man im Nachhinein darüber berichtet, unerträglich.
Im August 1941 brachte der Bischof von Münster, Clemens August von Galen die Euthanasie in einer Predigt an die Öffentlichkeit und auch zur Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Am 24. August 1941 stellte Hitler die Krankentötungen, höchstwahrscheinlich auf Grund des zunehmenden Widerstandes in der Bevölkerung, ein, um sie 1942 in noch größeren Tötungseinrichtungen in den Ostgebieten fortzuführen.

In den Folgejahren nach dem Krieg entwickelten die Kliniken sich immer weiter. Sie schafften mit neuen Freizeit und Geselligkeitsprogrammen, die auch schon in den Gründungsjahren um 1912 bekannt waren neue Möglichkeiten in den Alltag der Kranken. Schon Anfang der sechziger Jahre gehörte ein Fernsehprojektor, der den Patienten an den Wochenenden die Verfolgung des Fernsehprogramms im Gesellschaftshaus ermöglichte, zur weiteren Bereicherung des Freizeitprogramms. Mit Aktivierungs- und Beschäftigungsprogrammen in den sechziger und siebziger Jahren wurden neue Wege in der Entwicklung der Krankenbehandlung beschritten. Die weitreichenden Veränderungen der Kliniken auf Grund von gesetzlichen wie gesellschaftlichen Veränderungen im Laufe der Jahre aufzuführen erfordert hier zu viel Raum. Die Führung und der Vortrag waren sehr informativ und sehr kurzweilig. Leider hatten unsere anfänglichen Irrwege uns die Chance genommen noch ins Café Casablanca zu gehen und den wohlweißlich sehr verdienten und mit Sicherheit sehr leckeren Kuchen zu genießen. Die Erfahrungen die wir bei der Führung durch die Anlage der LVR-Klinik Bedburg–Hau und bei der Museumsführung sammeln konnten, waren sehr emotionsgeladen und fanden bei allen Weggefährten eine nachdenkliche Resonanz.

Der Rückweg zum Auto war auch länger, durch „Abkürzungen“ und anderen „Wirrungen“, als wir uns es vorgestellt hatten. Zum Abendessen in der Wasserburg Rindern kamen wir noch gerade rechtzeitig an.
Nach dem sehr guten Abendessen erwartete uns dann ab 20:00Uhr ein Trauerspiel der besonderen Art, das der deutschen Mannschaft- über dessen weitere Leistungen ich mich hier nicht auslassen werde.

Am Sonntag folgte dann unser Kontrastprogramm zum Vortag. Wir besuchten die „Ausstellung der fünf Gärten“. Hier zeigten fünf stolze Gartenbesitzer in der Gemeinde Bedburg – Hau ihre Gärten. Es gab viel zu bestaunen und auch viele Anregungen für den eigenen Garten. Einige selbstgebastelte Dinge, Bücher und andere Dekorationsgegenstände wurden hier feilgeboten und von den Besuchern für kleines Geld erworben. Auch leckeren Kuchen und Kaffee gab es hier zu verköstigen. Der Besuch der Gärten und die Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten, war zum Vortag, Balsam für die Seele und brachte das Seminar zu einem guten Abschluss.
Zur Krönung des Abschlusses gab es noch ein hervorragendes Mittagessen in der Wasserburg Rindern.
Dieses Seminar war mal etwas Anderes und es war gut.

Ein Bericht von Reinhold Schweiner Gruppe 4 Bottrop

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